Wenn Bewusstsein zur Rangordnung wird
Wenn spirituelle Sprache leise zur Waffe wird – ein ehrlicher Blick auf Überlegenheitsgefühle im Bewusstseinskosmos, angefangen bei mir selbst.
Ich oute mich gleich zu Beginn: Ich bin eine dominante Löwin. Mit Führungsqualitäten – und mit einem gepflegten Führungsakzeptanzproblem, wenn andere führen wollen. Mit einer Überlegenheitsillusion, die sich meist noch nicht mal die Mühe macht, sich in feinem Gewand zu präsentieren. Mit einem Hang zu kleinen Machtspielchen, den ich nicht immer sofort bemerke. Ich weiß also ziemlich genau, wovon ich hier schreibe. Nicht, weil ich es bei anderen beobachtet habe. Sondern weil ich selbst regelmäßig Täterin in genau der Arena bin, über die ich jetzt schreibe.
Darf ich also überhaupt den ersten Stein werfen? Wahrscheinlich nicht. Ich werfe ihn trotzdem – auch auf mich selbst.
Die feine Kunst, sich für weiter zu halten
Spirituelle Arroganz beginnt selten mit einem lauten Knall. Sie kommt leise, mit sanfter Stimme und einem milden Lächeln daher. "Wer weiß, wofür es gut ist." "Du wirst eines Tages verstehen, warum dir das passiert ist." "Das kannst du auf deiner Ebene gerade noch nicht sehen." Drei Sätze, die sich fürsorglich anhören – und die in Wahrheit genau eines transportieren: Ich stehe schon weiter oben. Ich habe den Schlüssel zur Matrix längst gefunden. Ich weiß bereits, wo der Hase langläuft, und du eben noch nicht.
Das ist der Moment, in dem Bewusstsein zur Rangordnung wird. Nicht mehr ein gemeinsamer, unterschiedlich verlaufender Weg, sondern eine Treppe, auf der manche angeblich schon ein paar Stufen höher stehen.
Der ganze große Zauber des Zerredens
In unserem spirituellen Kosmos haben wir alle einen ziemlich ausgeprägten Hang, Dinge zu Tode zu reden. Wir haben etwas erkannt, kommunizieren es fleißig – und bringen es dann nicht wirklich auf die Straße. Und wehe, jemand fragt konkret nach, was sich im Alltag dadurch tatsächlich verändert hat. Dann kommt gern das nächste große Argument: Je tiefer man ins Bewusstsein vordringt, desto schwerer lässt sich das in Worte fassen. Ein wunderbarer Satz. Er stimmt sogar manchmal. Er dient aber mindestens genauso oft als bequeme Ausrede dafür, dass wir eigentlich gar nicht so genau sagen können, was wir angeblich schon längst verstanden haben.
Blockaden und Widerstände sind in diesem großen Drama des Lebens jederzeit herzlich willkommen – so lange sie schön benannt und noch schöner erklärt werden. Nur bitte nicht zu viele echte, unbequeme Gefühle dabei zeigen. Denn wer schon so viel Bewusstsein hat, setzt sich den wirklich niederen Gefühlsebenen offiziell natürlich möglichst selten aus. Man schmückt sich lieber mit einer gewissen Unberührtheit. Und wenn sich das eigene Selbstmitleid dann doch nicht mehr wegdiskutieren lässt, wird daraus flugs ein höherer Dienst an der Welt: Man räumt schließlich den Weg frei für die restlichen 99 Prozent der Erdbevölkerung.
Die Energie hinter den Worten
Ich bin mir inzwischen gar nicht mehr sicher, ob spirituelle Sprache wirklich so elegant klingt, wie sie tut. Denn so süß das Lächeln auch sein mag – die tatsächliche Energie hinter den Worten lässt sich damit nie ganz verbergen. Unsere Haltung verrät uns fast immer, egal wie gewählt unsere Sprache daherkommt.
Natürlich könnten wir uns kurz einbilden, wieder etwas mehr durchblickt zu haben als die "unbewussten" Menschen um uns herum, die es "wieder nicht gecheckt haben". Nur funktioniert das ziemlich verlässliche universelle Gesetz der Resonanz eben auch aus dem Unterbewusstsein des Gegenübers heraus bestens weiter. Man kann sich noch so viel einbilden – gespürt wird es trotzdem.
Und ganz nebenbei: Sich die Dinge schönzureden, ist auch einfach sehr praktisch, wenn man mal wieder keine Lust hat, Verantwortung für das eigene Handeln – oder Nichthandeln – zu übernehmen.
Weiter ist nicht länger dabei
Das Gefühl, weiter oder erwachter zu sein als andere, begegnet einem in dieser Szene ständig. Früher wurde das gerne daran festgemacht, wie lange sich jemand schon mit seinem Weg oder mit Bewusstseinserweiterung beschäftigt. Inzwischen haben zum Glück auch die Letzten kapiert, dass Zeit allein kein Bewusstseinsbeweis ist. Trotzdem wird noch fleißig gefragt, ob man "das schon durchgeholt" hat – gern auch nur, um sich noch mal ganz beiläufig als "weiter" zu markieren.
Echtes Bewusstsein, glaube ich, macht eher leiser als lauter. Es führt zu mehr eigenen Fragen, nicht zu mehr fertigen Antworten für andere. Spirituelles Schönreden dagegen erkennt man oft daran, dass es Verantwortung verschiebt oder echte Gefühle überspringt – Trauer soll bitte sofort "transformiert" werden, statt einfach für einen Moment da sein zu dürfen.
Der Rückweg zu mir selbst
Bleibt die Frage, was ich – als eingestandene Löwin mit Hang zu Machtspielchen – daraus mache. Meine ehrliche Antwort: Demut ist bis heute eine meiner größten Baustellen. Ich merke selbst, wie schnell ich in genau die Muster rutsche, die ich hier gerade beschrieben habe. Der Unterschied ist vielleicht nur: Ich schaue inzwischen öfter genauer hin, wenn ich mich dabei ertappe.
Und genau darin liegt für mich der eigentliche Ausweg aus der spirituellen Arroganz: nicht darin, sie bei anderen zu entlarven, sondern sie zuerst bei mir selbst zu erkennen. Wenn dir das nächste Mal eine besonders weise, besonders wohlklingende Antwort auf der Zunge liegt, halte kurz inne. Frag dich, ob du gerade wirklich zuhörst – oder ob du gerade heimlich eine Rangordnung aufmachst.
Für mich hat Selbstverwirklichung nichts damit zu tun, weiter zu sein als andere. Es gibt so viele Wahrheiten wie Menschen – und wer das ernst nimmt, kann gar nicht ernsthaft behaupten, den einen richtigen Weg für alle gefunden zu haben. Genau das versuche ich, mit "Meine Selbstverwirklichung" zu leben: keinen Wettbewerb um Erleuchtung, sondern gleichwertige, unperfekte Wege nebeneinander. Auch meiner ist – wie der Titel meines Buchs schon sagt – unperfekt. Und unbezahlbar trotzdem.