So viele Wahrheiten, wie es Menschen gibt
Jemand sagt etwas, und in dir springt sofort das Urteil an: Quatsch. Was passiert, wenn du dieses Urteil einmal kurz liegen lässt? Ein Plädoyer für mehr Neugier und weniger Rechthaben.
So viele Wahrheiten, wie es Menschen gibt
Du sitzt in einer Runde, jemand erzählt, wie er die Welt sieht, und noch bevor er zu Ende gesprochen hat, hast du innerlich schon entschieden: Das stimmt so nicht. Ehrlich gesagt kennen wir das alle. Es geht schnell, es fühlt sich sicher an, und es kostet uns nebenbei ziemlich viel.
Darum geht es hier: um die Frage, was wir eigentlich mit unserer Wahrheit machen, und was möglich wird, wenn wir sie nicht mehr als einzige Wahrheit behandeln.
Dein erster Impuls ist ein Urteil
Bewerten ist kein Charakterfehler. Unser Kopf sortiert den ganzen Tag: richtig, falsch, passt, passt nicht. Das hilft uns im Alltag. Schwierig wird es, wenn wir aus „so sehe ich das" ein „so ist es" machen. Dann ist das Gespräch zu Ende, bevor es angefangen hat.
Ein kleiner Test: Achte heute einmal darauf, wie oft du im Laufe eines Tages innerlich „Nee" sagst, noch während jemand redet. Es ist erstaunlich.
Bewerten gibt den Dingen erst ihren Wert
Etwas, das wir uns in den Gesprächen immer wieder bewusst machen: Erst unsere Bewertung macht aus einer Aussage „gut" oder „schlecht". Die Aussage selbst ist einfach da. Ob sie uns triggert, begeistert oder nervt, sagt viel über uns und manchmal erstaunlich wenig über den anderen.
Neutral zu bleiben ist deshalb so etwas wie die Königsklasse. Du musst nichts gut finden. Aber du kannst zuerst einmal wahrnehmen, was da gesagt wird, bevor du ihm einen Stempel aufdrückst.
Höre alles, glaube nichts
Daraus wird schnell ein Missverständnis: Offen sein heißt nicht, alles zu glauben, was dir jemand erzählt. Es heißt auch nicht, alles durchzuwinken, nur um nett zu sein.
Offenheit heißt: Ich höre zu, ich lasse es kurz in mir wirken, und dann prüfe ich, ob es sich für mich stimmig anfühlt. Höre alles, glaube nichts, das ist ein ziemlich guter Grundsatz. Er schützt dich davor, dich zu verschließen, und davor, dich zu verbiegen.
Woher kommen deine Wahrheiten eigentlich?
Hier wird es unbequem, aber lohnend. Viele unserer Überzeugungen haben wir nie selbst überprüft. Wir haben sie übernommen: aus dem Elternhaus, aus dem Umfeld, von Menschen, denen wir vertraut haben. Das ist völlig normal.
Die Frage ist nur: Stimmt das für mich, oder habe ich es bisher einfach mitgetragen? Ein Hinweis kann sein, ob Freude und Lebendigkeit da sind oder eher ein diffuses Beklemmungsgefühl, eine Leere trotz scheinbar passender Umstände. Du musst nicht gleich alles umwerfen. Es reicht, genauer hinzuschauen.
Wahrheit oder Wahrnehmung?
Wenn dir jemand Feedback gibt, ist das zunächst seine Wahrnehmung. Sie kann etwas Wertvolles zeigen, sie muss aber nicht „die Wahrheit über dich" sein. Auch hier hilft ein kleiner Zwischenschritt: nicht sofort verteidigen, nicht sofort schlucken, sondern anschauen. Was davon passt zu mir? Was sagt es vielleicht über den anderen?
Besucher in einer fremden Wahrheit
Eine Hörerin hat uns einmal sinngemäß geschrieben, sie müsse nichts glauben, was wir sagen, sie dürfe einfach Besucherin in unserer Wahrheit sein. Wir fanden das so schön, dass wir es seitdem gern weitergeben.
Besucher sein heißt: Ich schaue mir an, wie die Welt von dort aus aussieht. Ich muss nicht einziehen. Aber ich darf mich umsehen, staunen, vielleicht sogar etwas mitnehmen. Und genau dadurch werden die Räume in uns größer.
Eine Einladung für diese Woche
Such dir ein Gespräch aus, in dem du normalerweise schnell widersprichst. Und stell dir dann einmal die Frage: Was müsste für diesen Menschen wahr sein, damit er so denkt? Du musst nicht zustimmen. Aber du wirst vermutlich mehr verstehen als sonst.
Welche „Wahrheit" von dir hast du schon lange nicht mehr überprüft?